Aufgaben

 

Ein wichtiges Symbol der Romantik ist die „blaue Blume“.

 

1. Lies dir die beiden Texte durch und erkläre, wofür die „blaue Blume“ steht.


2. Differenziere die beiden Symbolebenen „blau“ und „Blume“! Was symbolisieren die jeweiligen Begriffe noch?

 

3. Versuche, für ein dir derzeit wichtiges /dominantes Gefühl ein vergleichbares Symbol zu finden!


 

A) Clemens Brentano

 

     Ich eile hin, und ewig flieht dem Blicke

     Des Lebens Spiegel fort in wilder Flut,

     Die Sehnsucht in die Ferne nimmer ruht,

     Und weinend schaut Erinnerung zurücke

     Da blickt aus einer Blume neu Geschicke.

     Zwei blaue Kelche voll von Liebesglut

     Erwecken in dem Flüchtling neuen Mut;

     Daß er das Leben wieder jung erblicke.

     Es hat der Sinn die Aussicht wiederfunden,

     Er sieht im klaren Strome abgespiegelt,

     Des Wechsel-Lebens zwiefach-lieblich Bild,

     Die Fläche ruht und schwillt in tiefen Stunden,

     Wenn Leidenschaft die Trunkenheit entzügelt,

     Und Liebe sich dem Strome nackt enthüllt.

 


 

B) Novalis: Heinrich von Ofterdingen
Erster Theil: Die Erwartung (Erstes Kapitel)

 

    Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt, vor den klappernden  Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des  Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze  sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn' ich  mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt' ich  vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt  hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich  sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert,  und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine  Blume hab' ich damals nie gehört. Wo eigentlich nur  der Fremde herkam? Keiner von uns hat je einen ähnlichen Menschen gesehn; doch weiß ich nicht, warum  nur ich von seinen Reden so ergriffen worden bin; die Andern haben ja das Nämliche gehört, und Keinem ist so etwas begegnet. Daß ich auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustande reden kann! Es ist mir oft so entzückend wohl, und nur dann, wenn ich  die Blume nicht recht gegenwärtig habe, befällt mich  so ein tiefes, inniges Treiben: das kann und wird Keiner verstehn. Ich glaubte, ich wäre wahnsinnig, wenn ich nicht so klar und hell sähe und dächte, mir ist seitdem alles viel bekannter. Ich hörte einst von alten  Zeiten reden; wie da die Thiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten. Mir ist  grade so, als wollten sie allaugenblicklich anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten. Es muß noch viel Worte geben, die ich nicht weiß: wüßte ich mehr, so könnte ich viel besser alles begreifen. Sonst tanzte ich gern; jezt denke ich lieber nach der Musik.

Der Jüngling verlor sich allmählich in süßen  Fantasien und entschlummerte. Da träumte ihm erst  von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Thiere sah er; er lebte mit mannichfaltigen Menschen, bald im Kriege, in  wildem Getümmel, in stillen Hütten. Er gerieth in Gefangenschaft und die schmählichste Noth. Alle Empfindungen stiegen bis zu einer nie gekannten Höhe in  hm. Er durchlebte ein unendlich buntes Leben; starb und kam wieder, liebte bis zur höchsten Leidenschaft, und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt. Endlich gegen Morgen, wie draußen die  Dämmerung anbrach, wurde es stiller in seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder. Es kam ihm  vor, als ginge er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg. Er mußte über bemooste Steine klettern, die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte. Je höher er kam, desto lichter wurde der Wald. Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an  deren Fuß er eine Öffnung erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu seyn schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben  fort, bis zu einer großen Weitung, aus der ihm schon  von fern ein helles Licht entgegen glänzte. Wie er hineintrat, ward er einen mächtigen Strahl gewahr, der  wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg, und oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem großen Becken sammelten; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold; nicht das mindeste Geräusch war zu hören, eine heilige Stille  umgab das herrliche Schauspiel. Er näherte sich dem  Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Die Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiß, sondern kühl war, und an den Wänden nur ein mattes, bläuliches Licht von sich warf. [...] Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine  hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle  stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern  berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen  von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich  zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und  die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter  weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die  schon die Morgensonne vergoldete. Er war zu entzückt, um unwillig über diese Störung zu seyn; vielmehr bot er seiner Mutter freundlich guten Morgen  und erwiederte ihre herzliche Umarmung. [...]