Aufgaben
Ludwig
Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen (1798)
Dieser
umfangreiche Prosatext gehört zu den bedeutenden Künstlerromanen der deutschen
Romantik. Neben Tieck wirkt an der Entstehung des Sternbald Wackenroder mit,
dessen Anteil – zumindest was die tatsächliche Formulierung betrifft –
vermutlich gering ist. Gemeinsam greifen die Autoren Themen aus ihren
Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796) auf. Es geht um
die Entwicklung der Malerei, deren Weg von der ›altfränkischen‹ Kunst Albrecht
Dürers (1471–1528) zur italienischen Renaissance als Entfaltung der
romantischen Kunst beschrieben wird. Die Renaissance-Malerei gilt als
vollendeter Vorgriff auf das Kunstideal, das die Verfasser um 1800 vertreten. In der ästhetischen Spannung zwischen altdeutscher und neuer italienischer Malerei vollzieht sich die Genese der religiösen Kunst.
Nachvollzogen
wird dieser Weg exemplarisch von dem jungen Maler Franz Sternbald, der als
Schüler Dürers aufbricht und als freizügiger Kenner in Rom endet. Die Stationen
seiner Lebensbahn sind in erster Linie durch die Kunst, in zweiter durch die
Liebe bestimmt. Dem Ideal des ausgehenden deutschen Mittelalters entspricht die
formstrenge fromme Kunst Nürnbergs, einer lichtdurchfluteten Lebenslust die
italienische Malerei. Eine innere Reifung
durchlebt der Protagonist nicht, es sind äußere Ereignisse und Begegnungen, die ihm immer neue Anstöße geben. Trotz seines erheblichen Umfangs ist das Werk Fragment geblieben. Eine ursprünglich vorgesehene Läuterung des Protagonisten wird nicht mehr ausgeführt, Sternbald verharrt in hedonistischer Erlebnisfülle, die allerdings nicht das eigentliche Ziel der intendierten Kunstreligion ist.
1. Erarbeite, welche Lebenseinstellung Franz in seinem Brief an Sebastian (Text A) vertritt!
2. Clemens Brentano (Text B) stellt dem Künstlerindividuum die Philister gegenüber. Beschreibe diese mit eigenen Worten und versuche auch eine andere Bezeichnung für sie zu finden!
3. Analysiere kurz die Gestaltung von Brentanos Text (Aufbau-Inhalt, Textart)!
A) Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen
[Franz
Sternbald schreibt an seinen Freund Sebastian]
Liebster Bruder!
Ich bin erst seit so kurzer Zeit von Dir und doch dünkt es mir schon so lange zu sein. ... Wir sprechen immer von einer goldenen Zeit, und denken sie uns so weit weg, und malen sie uns mit so sonderbaren und buntgrellen Farben aus. O teurer Sebastian, oft dicht vor unsern Füßen liegt dieses wundervolle Land, nach dem wir jenseit des Ozeans und jenseit der Sündflut mit sehnsüchtigen Augen suchen. Es ist nur das, daß wir nicht redlich mit uns selber umgehen. Warum ängstigen wir uns in unsern Verhältnissen so ab, um nur das bißchen Brot zu haben,
das wir darüber selber nicht einmal in Ruhe verzehren können? Warum treten wir denn nicht manchmal aus uns heraus und schütteln alles das ab, was uns quält und drückt, und holen darüber frischen Atem, und fühlen die himmlische Freiheit, die uns eigentlich angeboren ist? Dann müssen wir der Kriege und Schlachten, der Zänkereien und Verleumdungen auf einige Zeit vergessen, alles hinter uns lassen und die Augen davor zudrücken, daß es in dieser Welt so wild hergeht und sich alles toll und verworren durcheinanderschiebt, damit irgendeinmal der himmlische Friede eine Gelegenheit fände, sich auf uns herabzusenken und mit seinen süßen lieblichen Flügeln zu umarmen. Aber wir wollen uns gern immer mehr in dem Wirr-
warr der gewöhnlichen Welthändel verstricken, wir ziehn selber einen Flor über den Spiegel, der aus den Wolken herunterhängt, und in welchem Gottheit und Natur uns ihre himmlischen Angesichter zeigen, damit wir nur die Eitelkeiten der Welt desto wichtiger finden dürfen. So kann der Menschengeist sich nicht aus dem Staube aufrichten und getrost zu den Sternen
hinblicken und seine Verwandtschaft zu ihnen empfinden. Er kann die Kunst nicht lieben, da er das nicht liebt, was ihn von der Verworrenheit erlöst, denn mit diesem seligen Frieden ist die Kunst verwandt. Du glaubst nicht, wie gern ich jetzt etwas malen möchte, was so ganz den Zustand meiner Seele ausdrückte, und ihn auch bei andern wecken könnte. Ruhige fromme Herden, alte Hirten im Glanz der Abendsonne, und Engel die in der Ferne durch, Kornfelder gehn, um ihnen die Geburt des Herrn, des Erlösers, des Friedefürsten zu verkündigen. Kein wildes Erstarren, keine erschreckten durcheinandergeworfenen Figuren, sondern mit freudiger Sehnsucht müßten sie nach den Himmlischen hinschauen, die Kindlein müßten mit ihren zarten Händlein nach den goldnen Strahlen hindeuten, die von den Botschaftern ausströmten. Jeder Anschauer müßte sich in das Bild hineinwünschen und seine Prozesse und Plane, seine Weisheit und seine politischen Konnexionen auf ein Viertelstündchen vergessen, und ihm würde dann vielleicht so sein, wie mir jetzt ist, indem ich dieses schreibe und denke. Laß Dich manchmal, lieber Sebastian, von der guten freundlichen Natur anwehen, wenn es Dir in Deiner Brust zu enge wird, schau auf die Menschen je zuweilen hin, die im Strudel des Lebens am wenigsten bemerkt werden, und heiße die süße Frömmigkeit willkommen, die unter alten Eichen beim Schein der Abendsonne, wenn Heimchen zwitschern und Feldtauben girren, auf Dich niederkömmt. Nenne mich nicht zu weich und vielleicht phantastisch, wenn ich Dir dieses rate, ich weiß, daß Du in manchen Sachen anders denkst, und vernünftiger und eben darum auch härter bist. [...]
[Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen, S. 27-31. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 95745-49 (vgl. Tieck-W Bd. 1, S. 714-716)]
B) Clemens Brentano: Der
Philister vor, in und nach der Geschichte
(Auszüge)
Philistersymptome.
Sie nennen die Natur, was
in ihren Gesichtskreis oder vielmehr in ihr Gesichtsviereck fällt, denn sie
begreifen nur viereckige Sachen, alles andere ist widernatürlich und
Schwärmerei. Sie begreifen das Abendmahl nicht, und halten viel auf
Brodstudien. Eine schöne Gegend, sagen sie, lauter Chaussee. Voltaire ist ihnen
lieber als Shakespeare, Wieland als Göthe, Ramler als Klopstock, Voß der
allerliebste; [. . .]
Sie glauben, die Deutschen seien kein herrliches Volk, sie müssten
von den Franzosen gebildet werden, doch schwätzen sie immer von Deutschheit,
Redlichkeit, und wenn es nur erst zur Reise käme. Sie würden gar nichts gegen
die Franzosen haben, wenn ihnen nur die Einquartierung nicht so viel kostete;
die Engländer nennen sie Englishmän, und lieben sie allein wegen der Pfund
Sterling, wobei sie fragen, was schwerer sei, ein Pfund Federn, oder ein Pfund
Gold? ... Sie lesen sich gegenseitig langweilige Abhandlungen vor, schleppen
sich mit platten Satiren und Epigrammen, Maulvolle rumpelnde Brocken, welche
hinunter zu würgen, ihrer Seele blitzblau die Augen vor den Kopf treten, sind
ihnen erhaben. Sie rezensiren Dinge, die sie nicht verstehn... Wenn sie sich
schneuzen, trompeten sie ungemein mit der Nase. Alle Begeisterten nennen sie
verrückte Schwärmer, alle Märtirer Narren, und können nicht begreifen, warum
der Herr für unsre Sünden gestorben, und nicht lieber zu Apolda eine kleine nützliche Mützenfabrik angelegt.
Nie hat sie der Regen ohne Regenschirm getroffen. Sagen sie guten Abend, guten
Morgen, guten Tag! wie gehts, was
macht die Frau Liebste? so
denken diese Elenden nichts dabei, es fällt ihnen vom Maul, und nach Tisch
wünschen sie einem wohl gespeißt zu haben, wenn man gleich gehungert hat. [...]
Sie unterhalten sich
besonders gern von Vaterland und Patriotismus, wenn man sie aber genauer fragt,
warum sie ihr Vaterland lieben, so fangen sie an, sich selbst darüber zu
wundern; denn sie gestehen gern ein, daß sie ewig damit umgehn, alles, was ihr
Vaterland zu einem bestimmten individuellen Lande macht, zu vernichten, und sie
arbeiten dahin, daß der Gukuk, der in fremde Nester baut, das ihrige mit dem
Lobe begrüße, par tout, comme chez nous. Sie vernichten, wo sie können, alte
Sitten und Herkömmlichkeiten, sie brechen die
Wappen und Schilder der
Zeiten, und werfen sie denjenigen vor die Füße, denen sie die Geschichte
gegeben. Alles, was kein Geschick, was der Tod selbst nicht raubet, die
hieroglyphischen Fußstapfen, in welche die Geschlechter ihren Nachkommen, den
Bann der Liebe und Treue zu dem Flecke Landes, den sie bewohnen, vererben,
wetzen sie aus, damit bald kein Philister mehr wisse, wo er zu Hause ist; das
ist aber ihre Absicht nicht, sondern sie möchten nur die Individualität der
Genialen zerstöhren, und sie dadurch unter das Hütchen
bringen, unter dem der
Teufel die Welt in die Tasche spielt. Sie wollen, daß die Menschen ihren
eigenen Rock lieben, und geben ihnen deswegen alle einerlei Röcke, aber ich
preise den selig, der den seinen zeichnet, sei es mit einem Kreuz überm Herzen,
einem Herzen unterm Ellbogen, oder einem Loch, oder irgend einem Fettfleck, nur
daß es von dem Seinigen sei, daß er sich zeichne, und einen Namen habe, den er
ehren kann, und hinterlassen den Seinigen; denn diesen Namen kaum wollen uns
die Philister lassen. Arm wollen sie des Volkes Mund machen. Ihr höchster Plan,
ein Land zu beglücken ist, es in ein rein gewürfeltes Damenbrett zu verwandeln,
es ist so leichter ins Kleine zu reduziren. Die Häuser möchten sie alle weiß
anstreichen, und von Zeit zu Zeit anders litteriren, und numeriren; wie sie
grade selbst mit der Litteratur fortschreiten, oder nicht hinter dem Nachbar
zurück bleiben wollen. Die Schlagbäume und Schilderhäuser aber werden
gestreift, alle öffentlichen Gebäude des Staats aber gewürfelt, damit jeder
wisse, woran sich zu halten. Damit aber ja keiner Lust kriege, die Flüsse zu
ihrem Quell, oder ihrem Ausfluß an oder ab zu geleiten, steht eine Tafel an
allen Brücken, worauf ihr geographischer Lauf kürzlich beschrieben ist.
[...] Nur zu, meine Herren
Philister! Der Teufel wird schon durchschlagen. Ist erst alles weiß, und
gehörig paginirt, meinen sie, so wird der Kunsttrieb sich rein in dem Volk
entwickeln, und wir werden bald die gewissermaßen ersten P e s t a l o z z i s c h e n Grundtypen aller bildenden Kunst an den
Wänden, Mauern, Gartenthüren und Wachstuben wieder
erscheinen sehen, und zwar
in den drei Grundfarben des bürgerlichen Prismas, Kohle, Rothstein und
Schüttgelb. – Es ist überhaupt nichts fataler, als einen halb zu barbieren,
wenn man etwas weis machen will, dem muß man Alles weis machen u. s. w.
[...]Nie sind sie berauscht
gewesen, ohne zu trinken, und dann immer sehr besoffen. Wenn sie
erschrocken sind, schlagen
sie sogleich ihr Wasser ab. Sie können kein ursprüngliches Dichterwerk
begreifen, verspotten und parodiren es, und schreiben dann doch wäßerige
Nachahmungen. Sie haben dem Werther die empfindsamen Romane, dem Götz die
Ritterstücke, dem Ardinghello und Meister die Künstler-Romane, der Luzinde die
transscendentalen Lubrica, den Schlegeln, Novalis und Tieck die
Glaubtraubschraubigten,
Honigseimleimschleimschlingenden
Sonnette und Canzonen (Ganzohnen) nachfolgen lassen, und Schillers
Trauerspielen, die kaltjambischen sentenziösen Schicksalsdramen, in denen das
Schicksal blos als das Wort Schicksal 50 mahl erscheint, oder dem Helden als
ein warmer Krug unter die Füße gelegt, oder gutmüthigen Lesern wie die Butter
abgemeldetem Hunde auf die Nase geschmiert wird, damit sie, wie der Hund
trocken Brod für Butterbrod, das Flicksal für Schicksal hinunterfressen; und
ich zweifle nicht, daß sie uns nächstens den Weinstein von ihren Zähnen, als
Tropfstein aus den Gräbern der teutschen Heldenwelt produciren, und irgend
einen steif gefrornen Sandhasen als einen nordischen Riesen vor unsern Augen
aufthauen lassen. [. . .]
[Clemens Brentano: Der Philister vor, in und nach der
Geschichte. Reprogr. Nachdr. Berlin: Frensdorff, [um 1920]. S. 16–18, 21 f.]
Lösungshinweise:
1. Künstler, der den inneren Menschen in sich ausbilden möchte; will das Göttliche, das sich in Kunst, Natur und Liebe zeigt, erfühlen können; Geschäftssinn und Sorge um Lebensunterhalt werden verachtet; alle Menschen sollten Künstler sein, nur so kann die Welt glücklich werden.
2./3. Brentanos polemische Satire betreibt die Abgrenzung zwischen Künstler- und Bürgerwelt. Seine Rücksichtslosigkeit rückt den Text in die Nähe der Gattung Streitschrift.
Der Philister vor, in und nach der Geschichte wird im März 1811 vom Verfasser vor der »Christlich-deutschen Tischgesellschaft« in Berlin verlesen. Die begeisterte Aufnahme lässt den Wunsch nach Vervielfältigung entstehen. 200 Exemplare werden auf private Kosten gedruckt, was die 71 Subskribenten nicht abnehmen, findet als Kommissionsware bei einem Berliner Buchhändler schnell Absatz.
Ironisch überspitzt dargestellt werden in dieser ›scherzhaften Abhandlung‹ spießige, kleinliche, pseudo-akademische und kunstfeindliche Eigenschaften eines zeitgenössischen Philistertums. B. verbindet eine Vielzahl kleiner Beobachtungen zu einem dichten Panorama. Der Ton ist unversöhnlich, die Scherze jenseits des zivilisierten Geschmacks. Gerade darin liegt die kulturhistorische Bedeutung des Texts, der einen weitaus schärferen, unversöhnlicheren Ton als all jene ›romantisierenden‹ Poesien, in denen Philister
karikiert werden, anschlägt. Die literarischen Mittel des Texts reichen von der Lautmalerei über Assoziationen erzeugende Assonanzen, von semantischer Doppeldeutigkeit bis hin zu vielfältigen versteckten Anspielungen.