Aufgaben
Mit dem Blonden
Eckbert hat Ludwig Tieck 1797 das erste Kunstmärchen der Romantik
geschaffen. Tieck, der sich selbst als existenziell gefährdet sah und Angst
hatte dem Wahnsinn zu verfallen, hat seine Person mit in dieses Märchen
eingebracht.
1. Finde heraus, wodurch
sich dieses Kunstmärchen von den herkömmlichen Volksmärchen unterscheidet!
2. Der Leser wird durch
Tiecks Märchen verstört und an die Abgründe menschlicher Existenz geführt.
Mache deutlich, an welchen Stellen dies im Blonden
Eckbert besonders deutlich hervortritt!
3. Der Philosoph Ernst
Bloch hat für diese hoffnungslos endende Märchennovelle das Wort „Zwielicht“
gefunden. Zeige auf, worin dieses Zwielichtige besteht.
4. Auch in der Gegenwart
hat das Zwielichtige wieder eine Renaissance erlebt. Überlege, ob dir für diese
Behauptung Beispiele einfallen und nenne diese!
Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert
In einer Gegend des
Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er
war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Größe, und kurze hellblonde
Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er
lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden seiner Nachbarn
verwickelt, auch sah man ihn nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen
Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit ebensosehr, und beide schienen sich
von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre
Ehe mit keinen Kindern segnen wolle. Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht,
und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen
Gange des Lebens geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit
selbst schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur
wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine
stille zurückhaltende Melancholie. Niemand kam so häufig auf die Burg als
Philipp Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an
diesem ohngefähr dieselbe Art zu denken fand, der auch er am meisten zugetan
war. Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes
Jahr in der Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und
beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem kleinen Vermögen
und war von niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen einsamen
Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich zwischen ihnen eine innigere
Freundschaft. Es gibt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor
seinem Freunde ein Geheimnis haben soll, was er bis dahin oft mit vieler
Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb,
sich ganz mitzuteilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er
um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten
Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor
der Bekanntschaft des andern zurückschreckt. Es war schon im Herbst, als
Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe Bertha um
das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme warf einen hellen Schein durch das
Gemach und spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern
herein, und die Bäume draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte
über den weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu
bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und dann in
einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging den Vorschlag
ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch
Holz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer und vertraulicher. Als das
Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm
Eckbert die Hand Walthers und sagte: »Freund, Ihr solltet Euch einmal von
meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug
ist.« »Gern«, sagte Walther, und man setzte sich wieder um den Kamin. Es war
jetzt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die vorüberflatternden
Wolken. »Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten«, Eng Bertha an, »mein Mann
sagt, daß Ihr so edel denkt, daß es unrecht sei, Euch etwas zu verhehlen. Nur
haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag. Ich
bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei
meinen Eltern war nicht zum besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht, wo sie
das Brot hernehmen sollten. Was mich aber noch weit mehr jammerte, war, daß
mein Vater und meine Mutter sich oft über ihre Armut entzweiten, und einer dem
andern dann bittere Vorwürfe machte. Sonst hört ich beständig von mir, daß ich
ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft
auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich
ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich
konnte nichts in der Wirtschaft helfen, nur die Not meiner Eltern verstand ich
sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an,
wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich würde, wie ich sie mit
Gold und Silber überschütten und mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah
ich Geister heraufschweben, die mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir
kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die
wunderbarsten Phantasien beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte,
um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel
ungeschickter, weil mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.
Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz unnütze Last
des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es war
selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm vernahm. So war ich ungefähr acht
Jahr alt geworden, und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht, daß ich
etwas tun, oder lernen sollte. Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder
Trägheit von mir, um meine Tage in Müßiggang hinzubringen, genug, er setzte mir
mit Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten,
züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese Strafe mit
jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein unnützes Geschöpf sei.
Die ganze Nacht hindurch weint ich herzlich, ich fühlte mich so außerordentlich
verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber, daß ich zu sterben
wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich wußte durchaus nicht, was
ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle mögliche Geschicklichkeit und konnte
gar nicht begreifen, warum ich einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner
Bekanntschaft. Ich war der Verzweiflung nahe. Als der Tag graute, stand ich auf
und eröffnete, fast ohne daß ich es wußte, die Tür unsrer kleinen Hütte. Ich
stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag
kaum noch hineinblickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte
keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder
einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln. Als
ich aus dem Walde wieder heraustrat, stand die Sonne schon ziemlich hoch, ich
sah jetzt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel bedeckte.
Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen zwischen Felsen gewundenen
Weg gehn, und ich erriet nun, daß ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge
befinden müsse, worüber ich anfing mich in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich
hatte in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn
ich davon hatte reden hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton
gewesen. Ich hatte nicht das Herz zurückzugehn, meine Angst trieb mich
vorwärts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die
Bäume fuhr oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen hintönte.
Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine fremde Aussprache
hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken. Ich kam durch mehrere
Dörfer und bettelte, weil ich jetzt Hunger und Durst empfand, ich half mir so
ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt wurde. So war ich
ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich auf einen kleinen Fußsteig geriet,
der mich von der großen Straße immer mehr entfernte. Die Felsen um mich her
gewannen jetzt eine andre, weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so
aufeinandergepackt, daß es das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß
durcheinanderwerfen würde. Ich wußte nicht, ob ich weitergehn sollte. Ich hatte
des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten
Jahrszeit, oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine
menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuten, in dieser Wildnis auf eine
zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft dicht an schwindlichten
Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar der Weg unter meinen Füßen auf.
Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie, und in den Felsentälern hallte
meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und
ich suchte mir eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen;
in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde Tiere,
bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde Vögel. Ich
betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein. Ich erwachte, als mir der
Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der
Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der Wildnis zu entdecken, und
vielleicht Wohnungen oder Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand,
war alles, so weit nur mein Auge reichte, ebenso, wie um mich her, alles war
mit einem neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen
Baum, keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne
Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen
emporgeschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich empfand,
nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich mich vor ihm
hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen peinigenden Hunger, ich setzte
mich nieder und beschloß zu sterben. Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu
leben dennoch den Sieg davon, ich raffle mich auf und ging unter Tränen, unter
abgebrochenen Seufzern den ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum
noch bewußt, ich war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und
fürchtete doch den Tod. Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher
zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben
erwachte in allen meinen Adern. Ich glaubte jetzt das Gesause einer Mühle aus
der Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht
ward mir, als ich endlich wirklich die Grenzen der öden Felsen erreichte; ich
sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder vor mir liegen. Mir
war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die Einsamkeit
und meine Hülflosigkeit schienen mir nun gar nicht fürchterlich. Statt der
gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine Freude freilich um
vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache, als mir
plötzlich war, als höre ich in einiger Entfernung ein leises Husten. Nie bin
ich so angenehm überrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging näher und
ward an der Ecke des Waldes eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie
war fast ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und
einen großen Teil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock. Ich
näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich niedersitzen
und gab mir Brot und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit kreischendem Ton
ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie mir, ich möchte ihr
folgen. Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die
Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie
ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß ich im
Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns
zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich
langen Wald. Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde
den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste
Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der
Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die
Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein
aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das
Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude.
Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren
Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine Augen schwärmten
nur zwischen den goldnen Wolken. Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit
Birken bepflanzt war, von oben sah man in ein grünes Tal voller Birken hinein,
und unten mitten in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam
uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und
wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit
freundlichen Gebärden zur Alten zurück. Als wir vom Hügel heruntergingen, hörte
ich einen wunderbaren Gesang, der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem
Vogel, es sang also:
›Waldeinsamkeit,
Die mich
erfreut,
So morgen wie
heut
In ewger Zeit,
O wie mich
freut
Waldeinsamkeit.‹
Diese wenigen
Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben soll, so war es
fast, als wenn Waldhorn und Schalmeie ganz in der Ferne durcheinanderspielen.
Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne daß ich auf den Befehl der
Alten wartete, trat ich mit in die Hütte. Die Dämmerung war schon eingebrochen,
alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher standen auf einem Wandschranke,
fremdartige Gefäße auf einem Tische, in einem glänzenden Käfig hing ein Vogel
am Fenster, und er war es wirklich, der die Worte sang. Die Alte keichte und
hustete, sie schien sich gar nicht wieder erholen zu können, bald streichelte
sie den kleinen Hund, bald sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem
gewöhnlichen Liede Antwort gab; übrigens tat sie gar nicht, als wenn ich
zugegen wäre. Indem ich sie so betrachtete, überlief mich mancher Schauer: denn
ihr Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit dem
Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr eigentliches
Aussehn beschaffen war. Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte
einen ganz kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jetzt sah sie sich nach
mir um, und hieß mir einen von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß ich
ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen uns. Sie faltete ihre
knöchernen Hände und betete laut, indem sie ihre Gesichtsverzerrungen machte,
so daß es mich beinahe wieder zum Lachen gebracht hätte; aber ich nahm mich
sehr in acht, um sie nicht zu erbosen. Nach dem Abendessen betete sie wieder,
und dann wies sie mir in einer niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie
schlief in der Stube. Ich blieb nicht lange munter, ich war halb betäubt, aber
in der Nacht wachte ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und
mit dem Hunde sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien,
und immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den Birken,
die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer entfernten Nachtigall
ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht war, als sei ich erwacht,
sondern als fiele ich nur in einen andern noch seltsamern Traum. Am Morgen
weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit an. Ich mußte
spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich noch für den Hund und
für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell in die Wirtschaft finden, und
alle Gegenstände umher wurden mir bekannt; nun war mir, als müßte alles so
sein, ich dachte gar nicht mehr daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich
habe, daß die Wohnung abenteuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und
daß an dem Vogel etwas Außerordentliches sei. Seine Schönheit fiel mir zwar
immer auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste
Hellblau und das brennendste Rot wechselten an seinem Halse und Leibe, und wenn
er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn noch prächtiger
zeigten. Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurück, ich ging ihr dann
mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward ihr
endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders in der
Kindheit, gewöhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich fand mich
leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit eine Quelle von
unendlichem Vergnügen, denn sie hatte einige alte geschriebene Bücher, die
wunderbare Geschichten enthielten. Die Erinnerung an meine damalige Lebensart
ist mir noch bis jetzt immer seltsam: von keinem menschlichen Geschöpfe
besucht, nur in einem so kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und
der Vogel machten denselben Eindruck auf mich, den sonst nur längst gekannte
Freunde hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen
des Hundes besinnen können, sooft ich ihn auch damals nannte. Vier Jahre hatte
ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefähr zwölf Jahr alt sein, als
sie mir endlich mehr vertraute, und mir ein Geheimnis entdeckte. Der Vogel
legte nämlich an jedem Tage ein Ei, in dem sich eine Perl oder ein Edelstein
befand. Ich hatte schon immer bemerkt, daß sie heimlich in dem Käfige
wirtschafte, mich aber nie genauer darum bekümmert. Sie trug mir jetzt das
Geschäft auf, in ihrer Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen
Gefäßen wohl zu verwahren. Sie ließ mir meine Nahrung zurück, und blieb nun
länger aus, Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der
wunderbare Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich
mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere. Kein
Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe, ich war
zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber. Der Mensch wäre
vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein Leben bis ans Ende
fortführen könnte. Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz
wunderliche Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und
meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war, konnte
ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz, prächtige Damen
sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie meine wunderliche Alte. Ich
hatte auch von Liebe etwas gelesen, und spielte nun in meiner Phantasie
seltsame Geschichten mit mir selber. Ich dachte mir den schönsten Ritter von
der Welt, ich schmückte ihn mit allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich
zu wissen, wie er nun nach allen meinen Bemühungen aussah; aber ich konnte ein
rechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann
sagte ich lange rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn
nur zu gewinnen. Ihr lächelt! wir sind jetzt freilich alle über diese Zeit der
Jugend hinüber. Es war mir jetzt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war
ich selbst die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und tat alles was
ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine Fragen,
mein Rädchen drehte sich immer munter, und so fühlte ich im Grunde nie einen
Wunsch nach Veränderung. Wenn die Alte von ihren langen Wanderungen zurückkam,
lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, daß ihre Haushaltung, seit ich
dazugehöre, weit ordentlicher geführt werde, sie freute sich über mein Wachstum
und mein gesundes Aussehn, kurz, sie ging ganz mit mir wie mit einer Tochter
um. ›Du bist brav, mein Kind!‹ sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden
Tone: ›wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehn; aber nie gedeiht
es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch
noch so spät.‹Indem sie das sagte, achtete ich eben nicht sehr darauf, denn ich
war in allen meinen Bewegungen und meinem ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in
der Nacht fiel es nur wieder ein, und ich konnte nicht begreifen, was sie damit
hatte sagen wollen. Ich überlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von
Reichtümern gelesen, und am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine
wohl etwas Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch
deutlicher. Aber was konnte sie mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich
den Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen. Ich war jetzt vierzehn Jahr alt,
und es ist ein Unglück für den Menschen, daß er seinen Verstand nur darum
bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu verlieren. Ich begriff nämlich wohl,
daß es nur auf mich ankomme, in der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien
zu nehmen, und damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich
war es mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der
mir immer noch im Gedächtnisse lag. Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter
als jeder andre Gedanke, aber wenn ich so an meinem Rade saß, so kam er mir
immer wider Willen zurück, und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon
herrlich geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so
vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder
aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Übrigens, wenn ich meine
Geschäfte tat, bekümmerte sich die Alte nicht weiter um mein Wesen. An einem
Tage ging meine Wirtin wieder fort, und sagte mir, daß sie diesmal länger als
gewöhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles ordentlich achtgeben und
mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich nahm mit einer gewissen Bangigkeit
von ihr Abschied, denn es war mir, als würde ich sie nicht wiedersehn. Ich sah
ihr lange nach und wußte selbst nicht, warum ich so beängstigt war; es war
fast, als wenn mein Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich
bewußt zu sein. Nie hab ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen
Emsigkeit gepflegt, sie lagen mir näher am Herzen, als sonst. Die Alte war
schon einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem
Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es war mir
enge und bedrängt zu Sinne, ich wünschte wieder dazubleiben und doch war mir
der Gedanke widerwärtig, es war ein seltsamer Kampf in meiner Seele, wie ein
Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir. In einem Augenblicke kam mir
die ruhige Einsamkeit so schön vor, dann entzückte mich wieder die Vorstellung
einer neuen Welt, mit allen ihren wunderbaren Mannigfaltigkeiten. Ich wußte
nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang mich unaufhörlich
an, der Sonnenschein breitete sich munter über die Felder aus, die grünen
Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als wenn ich etwas sehr Eiliges zu
tun hätte, ich griff also den kleinen Hund, band ihn in der Stube fest, und
nahm dann den Käfig mit dem Vogel unter den Arm. Der Hund krümmte sich und
winselte Über diese ungewohnte Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an,
aber ich fürchtete mich, ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den
Gefäßen, das mit Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu mir, die übrigen
ließ ich stehn. Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit
ihm zur Tür hinaustrat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen, aber
er mußte zurückbleiben. Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und ging
nach der entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und
es rührte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen anfangen,
aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl unbequem fallen. So wie ich weiter
ging, hörte ich das Bellen immer schwächer, und endlich hörte es ganz auf. Ich
weinte und wäre beinahe wieder umgekehrt, aber die Sucht etwas Neues zu sehn,
trieb mich vorwärts. Schon war ich über Berge und durch einige Wälder gekommen,
als es Abend ward, und ich in einem Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde,
als ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich
schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von der Alten träumte, die mir drohte.
Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr ängstigte
mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich dachte daran, daß
er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse, im Walde glaubt ich oft,
die Alte würde mir plötzlich entgegentreten. So legte ich unter Tränen und
Seufzern den Weg zurück, sooft ich ruhte, und den Käfig auf den Boden stellte,
sang der Vogel sein wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht
lebhaft des schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur
vergeßlich ist, so glaubt ich jetzt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei
nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in derselben
Lage zu sein. Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer
Wanderschaft von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir
wundersam zumute, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber bald erkannt ich
mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren war. Wie ward ich
überrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend seltsamer Erinnerungen,
die Tränen von den Wangen! Vieles war verändert, es waren neue Häuser
entstanden, andre, die man damals erst errichtet hatte, waren jetzt verfallen,
ich traf auch Brandstellen; alles war weit kleiner, gedrängter als ich erwartet
hatte. Unendlich freute ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen
Jahren wiederzusehn; ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der
Griff der Tür war noch ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie nur
gestern angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, ich öffnete sie hastig aber ganz
fremde Gesichter saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich fragte nach
dem Schäfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit drei Jahren mit seiner
Frau gestorben. Ich trat schnell zurück, und ging laut weinend aus dem Dorfe
hinaus.
Ich hatte es mir so
schön gedacht, sie mit meinem Reichtume zu überraschen; durch den seltsamsten Zufall
war das nun wirklich geworden, was ich in der Kindheit immer nur träumte und
jetzt war alles umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf
ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren. In
einer angenehmen Stadt mietete ich mir ein kleines Haus mit einem Garten, und
nahm eine Aufwärterin zu mir. So wunderbar, als ich es vermutet hatte, kam mir
die Welt nicht vor, aber ich vergaß die Alte und meinen ehemaligen Aufenthalt
etwas mehr, und so lebt ich im ganzen recht zufrieden. Der Vogel hatte schon
seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher nicht wenig, als er in einer
Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit einem veränderten Liede. Er sang:
›Waldeinsamkeit
Wie liegst du
weit!
O dich gereut
Einst mit der Zeit. –
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!‹
Ich konnte die Nacht hindurch nicht
schlafen, alles fiel mir von neuem in die Gedanken, und mehr als jemals fühlt
ich, daß ich Unrecht getan hatte. Als ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels
ordentlich zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine Gegenwart ängstigte
mich. Er hörte nun mit seinem Liede gar nicht wieder auf, und er sang es lauter
und schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je mehr ich ihn
betrachtete, je bänger machte er mich; ich öffnete endlich den Käfig, steckte
die Hand hinein und faßte seinen Hals, herzhaft drückte ich die Finger
zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los, aber er war schon gestorben.
Ich begrub ihn im Garten. Jetzt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner
Aufwärterin an, ich dachte an mich selbst zurück, und glaubte, daß sie mich
auch einst berauben oder wohl gar ermorden könne. Schon lange kannt ich einen
jungen Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand und hiermit, Herr
Walther, ist meine Geschichte geendigt.« »Ihr hättet sie damals sehn sollen«,
fiel Eckbert hastig ein »ihre Jugend, ihre Schönheit, und welch einen
unbeschreiblichen Reiz ihr ihre einsame Erziehung gegeben hatte. Sie kam mir
vor wie ein Wunder, und ich liebte sie ganz über alles Maß. Ich hatte kein
Vermögen, aber durch ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand, wir zogen hieher,
und unsere Verbindung hat uns bis jetzt noch keinen Augenblick gereut.« »Aber
über unser Schwatzen«, fing Bertha wieder an, »ist es schon tief in die Nacht
geworden wir wollen uns schlafen legen.« Sie stand auf und ging nach ihrer
Kammer. Walther wünschte ihr mit einem Handkusse eine gute Nacht, und sagte:
»Edle Frau, ich danke Euch, ich kann mir Euch recht vorstellen, mit dem
seltsamen Vogel, und wie Ihr den kleinen Strohmian füttert.« Auch Walther legte
sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale auf und ab. »Ist der
Mensch nicht ein Tor?« Eng er endlich an; »ich bin erst die Veranlassung, daß
meine Frau ihre Geschichte erzählt, und jetzt gereut mich diese
Vertraulichkeit! Wird er sie nicht mißbrauchen? Wird er sie nicht andern
mitteilen? Wird er nicht vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine
unselige Habsucht nach unsern Edelgesteinen empfinden, und deswegen Plane anlegen
und sich verstellen?« Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von ihm
Abschied genommen hatte, als es nach einer solchen Vertraulichkeit wohl
natürlich gewesen wäre. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so
trifft sie auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. Dann warf sich Eckbert
wieder sein unedles Mißtrauen gegen seinen wackern Freund vor, und konnte doch
nicht davon zurückkehren. Er schlug sich die ganze Nacht mit diesen
Vorstellungen herum, und schlief nur wenig. Bertha war krank und konnte nicht
zum Frühstück erscheinen; Walther schien sich nicht viel darum zu kümmern, und
verließ auch den Ritter ziemlich gleichgültig. Eckbert konnte sein Betragen
nicht begreifen; er besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze und
sagte, die Erzählung in der Nacht müsse sie auf diese Art gespannt haben. Seit
diesem Abend besuchte Walther nur selten die Burg seines Freundes, und wenn er
auch kam, ging er nach einigen unbedeutenden Worten wieder weg. Eckbert ward
durch dieses Betragen im äußersten Grade gepeinigt; er ließ sich zwar gegen
Bertha und Walther nichts davon merken, aber jeder mußte doch seine innerliche
Unruhe an ihm gewahr werden. Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher;
der Arzt ward ängstlich, die Röte von ihren Wangen war verschwunden, und ihre
Augen wurden immer glühender. An einem Morgen ließ sie ihren Mann an ihr Bette
rufen, die Mägde mußten sich entfernen. »Lieber Mann«, fing sie an, »ich muß
dir etwas entdecken, das mich fast um meinen Verstand gebracht hat, das meine
Gesundheit zerrüttet, so eine unbedeutende Kleinigkeit es auch an sich scheinen
möchte. Du weißt, daß ich mich immer nicht, sooft ich von meiner Kindheit
sprach, trotz aller angewandten Mühe auf den Namen des kleinen Hundes besinnen
konnte, mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend sagte Walther beim
Abschiede plötzlich zu mir: ›Ich kann mir Euch recht vorstellen, wie Ihr den
kleinen Strohmian füttert‹ Ist das Zufall? Hat er den Namen erraten, weiß er
ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? Und wie hängt dieser Mensch dann mit
meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich mit mir, als ob ich mir diese
Seltsamkeit nur einbilde, aber es ist gewiß nur zu gewiß. Ein gewaltiges
Entsetzen befiel mich, als mir ein fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen
half. Was sagst du, Eckbert?« Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem
tiefen Gefühle an; er schwieg und dachte bei sich nach, dann sagte er ihr
einige tröstende Worte und verließ sie. In einem abgelegenen Gemache ging er in
unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein
einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jetzt der einzige in der
Welt, dessen Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als würde ihm froh
und leicht sein, wenn nur dieses einzige Wesen aus seinem Wege gerückt werden
könnte. Er nahm seine Armbrust, um sich zu zerstreuen und auf die Jagd zu gehn.
Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den Bergen und
bog die Zweige der Bäume nieder. Er streifte umher, der Schweiß stand ihm auf
der Stirne, er traf auf kein Wild, und das vermehrte seinen Unmut. Plötzlich
sah er sich etwas in der Ferne bewegen, es war Walther, der Moos von den Bäumen
sammelte; ohne zu wissen was er tat, legte er an, Walther sah sich um, und drohte
mit einer stummen Gebärde, aber indem flog der Bolzen ab, und Walther stürzte
nieder. Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch trieb ihn ein
Schauder nach seiner Burg zurück; er hatte einen großen Weg zu machen, denn er
war weit hinein in die Wälder verirrt. Als er ankam, war Bertha schon
gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch viel von Walther und der Alten
gesprochen. Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten Einsamkeit; er war
schon sonst immer schwermütig gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte seiner
Gattin beunruhigte, und er irgendeinen unglücklichen Vorfall, der sich ereignen
könnte, befürchtete; aber jetzt war er ganz mit sich zerfallen. Die Ermordung
seines Freundes stand ihm unaufhörlich vor Augen, er lebte unter ewigen innern
Vorwürfen. Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach der nächsten
großen Stadt, wo er Gesellschaften und Feste besuchte. Er wünschte durch
irgendeinen Freund die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er dann
wieder an Walther zurückdachte, so erschrak er vor dem Gedanken, einen Freund
zu finden, denn er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit jedwedem Freunde
sein könne. Er hatte so lange mit Bertha in einer schönen Ruhe gelebt, die
Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr hindurch beglückt, und jetzt
waren beide so plötzlich dahingerafft, daß ihm sein Leben in manchen
Augenblicken mehr wie ein seltsames Märchen, als wie ein wirklicher Lebenslauf
erschien. Ein junger Ritter, Hugo, schloß sich an den stillen betrübten
Eckbert, und schien eine wahrhafte Zuneigung gegen ihn zu empfinden. Eckbert
fand sich auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft des
Ritters um so schneller entgegen, je weniger er sie vermutet hatte. Beide waren
nun häufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle möglichen
Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern aus; in allen
Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen unzertrennlich. Eckbert war
immer nur auf kurze Augenblicke froh, denn er fühlte es deutlich, daß ihn Hugo
nur aus einem Irrtume liebe; jener kannte ihn nicht, wußte seine Geschichte
nicht, und er fühlte wieder denselben Drang, sich ihm ganz mitzuteilen, damit
er versichert sein könne, ob jener auch wahrhaft sein Freund sei. Dann hielten
ihn wieder Bedenklichkeiten und die Furcht, verabscheut zu werden, zurück. In
manchen Stunden war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt, daß er
glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger Fremdling sei, könne ihn
seiner Achtung würdigen. Aber dennoch konnte er sich nicht widerstehn; auf
einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem Freunde seine ganze Geschichte,
und fragte ihn dann, ob er wohl einen Mörder lieben könne. Hugo war gerührt,
und suchte ihn zu trösten; Eckbert folgte ihm mit leichterm Herzen zur Stadt.
Es schien aber seine Verdammnis zu sein, gerade in der Stunde des Vertrauens
Argwohn zu schöpfen, denn kaum waren sie in den Saal getreten, als ihm beim
Schein der vielen Lichter die Mienen seines Freundes nicht gefielen. Er glaubte
ein hämisches Lächeln zu bemerken, es fiel ihm auf, daß er nur wenig mit ihm
spreche, daß er mit den Anwesenden viel rede, und seiner gar nicht zu achten
scheine. Ein alter Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer als den
Gegner Eckberts gezeigt, und sich oft nach seinem Reichtum und seiner Frau auf
eine eigne Weise erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide
sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert hindeuteten. Dieser sah
jetzt seinen Argwohn bestätigt, er glaubte sich verraten, und eine schreckliche
Wut bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer hinstarrte, sah er plötzlich
Walthers Gesicht, alle seine Mienen, die ganze, ihm so wohlbekannte Gestalt, er
sah noch immer hin und ward überzeugt, daß niemand als Walther mit dem Alten
spreche. Sein Entsetzen war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus,
verließ noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach vielen Irrwegen auf seine
Burg zurück. Wie ein unruhiger eist eilte er jetzt von Gemach zu Gemach, kein
Gedanke hielt ihm stand, er verfiel von entsetzlichen Vorstellungen auf noch
entsetzlichere, und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, daß er
wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine Einbildung alles erschaffe;
dann erinnerte er sich wieder der Züge Walthers, und alles ward ihm immer mehr
ein Rätsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um seine Vorstellungen wieder zu
ordnen; den Gedanken an Freundschaft, den Wunsch nach Umgang hatte er nun auf
ewig aufgegeben. Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, ja er
betrachtete die Gegenden nur wenig, die vor ihm lagen. Als er im stärksten
Trabe seines Pferdes einige Tage so fortgeeilt war, sah er sich plötzlich in
einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen sich nirgend ein Ausweg entdecken
ließ. Endlich traf er auf einen alten Bauer, der ihm einen Pfad, einem
Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte ihm zur Danksagung einige Münzen geben,
der Bauer aber schlug sie aus. »Was gilt's«, sagte Eckbert zu sich selber, »ich
könnte mir wieder einbilden, daß dies niemand anders als Walther sei.« Und
indem sah er sich noch einmal um, und es war niemand anders als Walther.
Eckbert spornte sein Roß so schnell es nur laufen konnte, durch Wiesen und
Wälder, bis es erschöpft unter ihm zusammenstürzte. Unbekümmert darüber setzte
er nun seine Reise zu Fuß fort. Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war,
als wenn er ein nahes munteres Bellen vernahm, Birken säuselten dazwischen, und
er hörte mit wunderlichen Tönen ein Lied singen:
»Waldeinsamkeit
Mich wieder
freut,
Mir geschieht kein
Leid,
Hier wohnt kein
Neid,
Von neuem mich
freut
Waldeinsamkeit.«
Jetzt war es um
das Bewußtsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte sich nicht aus dem
Rätsel herausfinden, ob er jetzt träume, oder ehemals von einem Weibe Bertha geträumt
habe; das Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn
her war verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig. Eine
krummgebückte Alte schlich hustend mit einer Krücke den Hügel heran. »Bringst
du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?« schrie sie ihm entgegen.
»Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund
Walther, dein Hugo.« »Gott im Himmel!« sagte Eckbert stille vor sich hin »in
welcher entsetzlichen Einsamkeit hab ich dann mein Leben hingebracht!« »Und
Bertha war deine Schwester.« Eckbert fiel zu Boden. »Warum verließ sie mich
tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja
schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten
erziehn ließ, die Tochter deines Vaters.« »Warum hab ich diesen schrecklichen
Gedanken immer geahndet?« rief Eckbert aus. »Weil du in früher Jugend deinen
Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter
nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe.« Eckbert
lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und verworren hörte er die
Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel sein Lied wiederholen.
Lösungshinweise in Stichwörtern
1. Eindeutigkeit des Märchens, d.h. klare Unterscheidung Gut und Böse fehlt; kein Happyend; Vermischung von Märchenelementen und realistischen Momenten è psychologisiertes Geschehen; novellenhafte Wende (als Walther den Namen des Hundes nennt).
2. z.B.Walther nennt den Namen des Hundes; Eckberts Argwohn
und Mord an Walther; „Wiedersehen“ mit Walther in verschiedener Gestalt;
Inzestmotiv; v.a. auch Schluss des Märchens
3. Verwirrende Unklarheit zwischen Phantasie und
Wirklichkeit, Gut und Böse, eigener Schuld und schicksalhafter Verstrickung;
zwielichtig auch die Botschaft des Märchens: Poetisierung eigener Ängste des
Dichters und Faszination des Schauerlichen.
4. Mystery-Serien im Fernsehen; Thematik auch im Spielfilm,
z.B. Sixth Sense u.a., ebenfalls in der Unterhaltungsliteratur; Esoterik