Aufgabe

 

Versuche eine eigenständige (Kurz-)Interpretation des Gedichts zu verfassen!

Beachte dabei folgende allgemeine Hinweise:

 

Gedichtinterpretation

Ziel der Gedichtinterpretation (wie jeder Interpretation) ist das bessere Verstehen; Voraus­setzung ist genaues Lesen, aber auch eine geschulte Wahrnehmungsfähigkeit. Der Leser sollte wissen, welche Elemente die Bedeutung des Textes konstituieren; dazu ist es hilfreich, sich anhand eines Fragenkataloges zu vergewissern, welche Elemente bedeut­sam sein können. Die bloße Beschreibung oder Auflistung von Formmerkmalen ohne Bezug zur Funktion im Gedichtganzen ist nicht ergiebig. Als Erkenntnismittel kann sie (bei einer schriftlichen Interpretation für das Konzept) nützlich sein, sofern sie etwas erkennen lässt, was man zunächst übersehen hat.

 

Folgende Gesichtspunkte sind zu berücksichtigen:

‑ Sprecher des Gedichts; Redesituation (Anrede?)

‑ Wirklichkeitsbezug; Naturbezug

‑ Beziehung zwischen Gedichtüberschrift und Gedichttext

‑ Wortschatzuntersuchung: dominierende Wortart(en)

‑ Bildlichkeit: Metapher, Vergleich, Allegorie, Personifizierung, Symbol, Chiffre; Konnota­tionen; Zitat, Anspielung

‑ Gedicht als Klanggebilde: Rhythmus, Reime; Strophengliederung; Zusammenhang mit Syntax; Vokale

‑ Tempus (Wechsel?); Satzformen

 


Achim von Arnim:

 

Mir ist zu licht zum Schlafen,

Der Tag bricht in die Nacht,

Die Seele ruht im Hafen,

Ich bin so froh verwacht!

 

Ich hauchte meine Seele

Im ersten Kusse aus,

Was ist's, daß ich mich quäle,

Ob sie auch fand ein Haus!

 

Sie hat es wohl gefunden,

Auf ihren Lippen schön,

O welche sel'ge Stunden,

Wie ist mir so geschehn!

 

Was soll ich nun noch sehen,

Ach alles ist in ihr,

Was fühlen, was erflehen,

Es ward ja alles mir!

 

Ich habe was zu sinnen,

Ich hab’, was mich beglückt,

In allen meinen Sinnen

Bin ich von ihr entzückt.

 


Eine professionelle Kurzinterpretation:

 

Das im Volksliedton gehaltene Gedicht gefällt in seiner Musikalität, doch so schlicht und eingängig, wie es zunächst scheint, ist es bei nä­herem Hinsehen nicht. Bei aller Einfachheit des Ausdrucks hat es auch etwas Gesuchtes, Ausgefallenes, bei allem Gefühlsüberschwang etwas Besonnenes, beinahe Kühles, und die Gewissheit des Liebebe­glückten lässt doch auch Zweifel, zumindest Fragen zu.

Gegensätzlichkeit vermittelt gleich die erste Strophe ‑ in dem Wechsel von hellen und dunklen Vokalen lautmalerisch nachvollzo­gen ‑, wobei das Bild des in die Nacht brechenden Tages nicht recht passen will zur Vorstellung der im Hafen ruhenden Seele, und dass das Ich »froh verwacht« ist, lässt den heutigen Leser erst einmal stut­zen, denn das Wort »verwacht« kennt er kaum mehr. Laut Grimm­schem Wörterbuch hat »verwachen« u. a. die Bedeutung von »wa­chend verbringen«, wird aber auch häufig in der Partiziplalform verwendet im Sinne von »durch Wachen erschöpft, übermüdet« ‑ und in solcher Ambivalenz von nervöser Überwachheit und gleich­zeitigem Glücksgefühl (wobei das »licht« bei Arnim doch wieder sehr geistig, beruhigt wirkt) spricht das lyrische Ich allgemein menschliche Erfahrung aus. Ungewöhnlich ist eher seine quälende Frage, ob die Seele ein Haus fände, ob seine Liebe auf Dauer erwidert würde. Auch wenn die dritte Strophe sagt, dass die vielleicht schon lange su­chende Seele eine Heimat fand, bleibt doch ein Rest Unsicherheit, einmal in dem »wohl« erkenntlich, dann aber auch in der letzten Strophe, denn der Singende hat »was zu sinnen«, zum Nachdenken über diese Liebe, die alle seine Sinne entzückt.

In dem Wortspiel von »sinnen« und »Sinnen« mag Arnim, ganz der romantischen Vorstellung folgend, auf die Einheit stiftende Kraft der Liebe verwiesen haben, die dem Menschen wieder ein Denken und Fühlen umfassendes Erleben vermittelt. Auch die etwas aussage­schwach wirkende vierte Strophe würde einen tieferen Gehalt ge­winnen, zöge man etwa den Gedanken Novalis' zur Interpretation heran, der die Geliebte als »Abbreviatur des Universums« bezeichne­te; die Geliebte enthielte dann ja alles in der Welt Erfahrbare, sodass das lyrische Ich ernsthaft behaupten dürfte: »Was soll ich nun noch sehen,/Ach, alles ist in ihr«.

[modifiziert; nach von Borries, Erika u. Ernst: Romantik.- München 21999 (Deutsche Literaturgeschichte, Bd.5), S.344-346]