Aufgaben
1. Die Frühromantik postulierte die Universalpoesie. Erarbeite anhand von Schlegels Fragment (Text A) die Grundzüge dieser Universalpoesie.
2. Lese dir die Sachinformationen (Text B) zum Thema Volkspoesie durch und notiere die relevanten Aspekte!
3. Welche volkstümlichen und volksliedhaften Elemente (Themen, Stilmittel usw.) kannst du aus Eichendorffs Gedicht (Text C) herausfiltern?
4. Betrachte die Abbildung 3 genau! Erläutere die poetischen Vorstellungen der Romantik, die sich in diesem Bild widerspiegeln!
A) Friedrich Schlegel: Athenäum-Fragment
[116] Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeit alters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder poten- zieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitig- sten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, son- dern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtar ten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.
2) Volkspoesie
Eine ›volkstümlich‹ genannte Poesie ist seit der
Heidelberger Hochromantik ein
unverzichtbarer und vorbildhafter Bezugspunkt romantischer
Literatur. Damit tritt eine anti-intellektuelle Wende der Literaturkonzeption
ein, die sich auch auf die Werke selbst auswirkt. ›Volkspoesie‹ wird in diesem
Sinne zum geschätzten Kampfbegriff, der eine objektive, wissenschaftliche
Beschäftigung unterbindet. ›Volkspoesie‹ wird für einige Autoren sogar Teil
einer kulturhistorischen Ideologie.
Wirkungsvoll ist die Entdeckung der deutschen Volkspoesie
zur Abgrenzung gegen die Antike. Die ersten romantischen Sammlungen genuiner
älterer Texte nutzen den vorhandenen Spielraum, um die Bedeutung des Alten
herauszuarbeiten und zugleich durch ihre Auswahl eine den eigenen Absichten
entsprechende Gewichtung vorzunehmen. Ein Teil der volkstümlichen Poesie, die
gesammelt, erschlossen und – mehr oder weniger philologisch – gesichert werden
soll, entstammt einer mündlichen Überlieferung. Mündlichkeit gilt als Ausweis
von Authentizität und als der schriftlichen Überlieferung überlegen. Indem sich
die Romantik zwar auf die mündliche Tradition bezieht, diese aber
verschriftlicht, vermag sie ihr eigentliches Ideal nicht zu konservieren. Damit
verschiebt sich auch das Zielpublikum, das Lesen und Schreiben können muss, um
an dieser Art von Volksliteratur teilzuhaben. Bildung wird zur Grundlage auch
der Volksliteratur.
Volkslieder galten lange als Ausdruck einer Kultur des
Pöbels, der Ungebildeten und Bildungsunfähigen, während Kunstliteratur
notwendig ein gebildetes, im Grunde akademisch angeleitetes Publikum voraussetzte.
Dieser Polarisierung wird in der Romantik begegnet durch eine ›Renaivisierung‹
(Mandelkow), die das Verständnis aus dem ›Gemüt‹ heraus möglich machen soll.
3) J.v. Eichendorff: Lied
In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Meine Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.
Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Das Ringlein sprang entzwei.
Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.
Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blutge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.
Hör ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still.
4)
Abbildung: Holzschnitt von Ludwig Richter (1803-1884); Sinnspruch F. Schiller